Stuttgarter Zeitung 01.09.2003
Ferientrips zu Musen und Museen (31): Roland Hess hat in der Mönchstraße ein Holzkanumuseum eingerichtet - Gefragter Experte mit Eintrag im Who's who
Die weite Welt der Kanuabenteuer in der Stuttgarter Hinterhofwerkstatt
Ob nun aus Politfrust, Sparsamkeit oder Heimatliebe - viele Bürger der Region Stuttgart tun es dem Kanzler gleich und urlauben zu Hause. Damit es aber dabei nicht langweilig wird, bieten wir eine Serie voll hübscher Attraktionen: lauter kleine Museen mit großem Angebot.
Von Hans Jörg Wangner
Das Fernweh lebt im Hinterhof. Eine Werkstatt, in der früher mal Autos lackiert wurden, ein ehemaliges Lädle, ein einstiger Aufenthaltsraum für Mechaniker, insgesamt kaum mehr als 100 Quadratmeter. Und über allem der Hauch von Freiheit und Abenteuer: Roland Hess hat in der Stuttgarter Mönchstraße vor zwei Jahren sein Holzkanumuseum eröffnet. So beschränkt der Platz ist, so vielfältig sind die Exponate. Man sollte sich beim ersten Anblick nicht täuschen lassen: "Unter eineinhalb Stunden", sagt der 43-Jährige, "geht bei einer Führung gar nichts."
Dass er ein bisschen ab vom Schuss ist, weiß Hess wohl. Und so sind es vor allem Insider aus der Kanuszene, die den Weg zu ihm finden - nicht nur der antiken Stücke wegen, sondern auch, weil Hess mit Outdoorartikeln handelt und vor allem, weil er in Kursen zeigt, wie man sich ein Kanu selber bauen kann. Experte hin, Laie her: spannende Geschichten hat Hess auch für Besucher zu bieten, denen der Unterschied zwischen dem (offenen) Kanu und dem (geschlossenen) Kajak nicht so geläufig ist.
Da ist etwa das Gerüst einer Baidarka, wie sie die Ureinwohner der Aleuten zum Jagen in der rauen See am Westzipfel Alaskas verwendet haben. An Land eher ungelenk, müssen diese Menschen in ihren Booten wahre Bärenkräfte entwickelt haben. Anthropologische Untersuchungen der Knochen haben ergeben, dass Leistungsspitzen von vier PS möglich waren, sagt Hess.
Diese physische Stärke in Verbindung mit einer ausgefeilten Hydrodynamik (dem seemännischen Pendant zur Aerodynamik) haben es ermöglicht, dass die Baidarkas schneller durchs Wasser glitten als Segelschiffe. Weil großflächige Paddel angesichts des starken Windes die Kentergefahr erhöht hätten, machten sich die Menschen beim Antrieb das Prinzip der induzierten Wirbel zunutze. Das heißt, sie hatten extrem kleine Paddel, die dank der Wirbel aber unter Wasser mächtig Vortrieb leisteten. Von den Russen wurden diese Menschen versklavt, zur Seeotterjagd gezwungen und im Lauf der Zeit ausgerottet.
Die Folge: das Geheimnis der Baidarka mit ihrem charakteristischen Doppelbug und dem flexiblen Gerippe ging fast verloren, nur einige wenige Skizzen zeigen den Aufbau dieser Boote. In enger Zusammenarbeit mit Rudi Cooijmans, einem gelernten Kfz-Meister, ist der Museumschef dabei, solch ein Gefährt zu bauen. Und auch Roland Hess' Freundin Julia Stratil kann Fachwissen beisteuern: Als Bauingenieurin mit Spezialgebiet Tragwerkkonstruktion kennt sie sich dabei aus, ein Gerippe zu bespannen.
Nur eines ist den Experimentalarchäologen klar: auf das Kraftpotenzial der ursprünglichen Baidarkafahrer wird ein Mitteleuropäer beim besten Willen nicht kommen. Da kann er noch so lange trainieren. Immerhin: Mit der Berta Epple könnte die Baidarka mithalten, denn 15 bis 17 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit sind durchaus drin, sagt Hess - und schneller als 18 darf auf dem Neckar ohnehin nicht gefahren werden.
Das geballte Fachwissen des gelernten Steinbildhauers und Elektronikers hat einen ganz einfachen Hintergrund: "Wenn ich etwas mache, dann richtig", sagt er und erzählt, wie er systematisch Literatur wälzte, wie er mit Museen und Universitäten in den Vereinigten Staaten Kontakt aufnahm und wie er seine schon früh erworbenen Kenntnisse im Bootsbau immer mehr vertiefte. So ist er heute auch Mitglied in der Wooden Canoe Heritage Association, der Baidarka Historical Society und der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Und sein Fachmagazin Trifactum, das er als Chefredakteur leitet, ist ein Forum für alle Fragen rund um das Holzboot. Alles in allem habe ihm sein Engagement sogar einen Eintrag ins Who's who eingebracht, erzählt Hess, der auch im Linden-Museum als Experte geschätzt wird.
So habe er einmal Modelle von Inuitbooten begutachtet, von denen im Prinzip nicht sehr viel mehr bekannt war als die dürre Information Kajak, Nordamerika, 19. Jahrhundert, und dass sie für Kinder beziehungsweise für den Handel hergestellt worden waren. Bis Hess gefragt wurde: Teilweise fast bis auf die Siedlung genau habe er bestimmen können, woher die Stücke stammten. Am Ende hat sein Wissen eine Sonderausstellung im Linden-Museum ermöglicht.
Doch nicht nur der ethnologische Aspekt der Holzboote interessiert Roland Hess, sondern auch das Kanufahren als Freizeitbeschäftigung. Ein großer Bereich der Ausstellung ist deshalb den Booten gewidmet, die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Kanada nach Deutschland exportiert wurden und die daher ihren in Fachkreisen verpönten Namen haben: "Kanadier", sagt Hess, "ist eigentlich ein Unwort."
Wie dem auch sei: Im Berlin der 20er und 30er Jahre gehörte ein Boot sozusagen zum guten Ton. Man hatte eines, um sonntags auf der Spree oder auf den Seen herumzuschippern. Diesem Vergnügen sind im Museum eine Menge Exponate gewidmet. Nicht nur ältere und neuere Wasserfahrzeuge, Renn- und Wanderkajaks sowie legendäre Faltboote aus dem Hause Klepper, sondern auch Freizeitartikel wie Lampen, Campingkocher und Kameras finden sich in der Mönchstraße, dazu eine ganze Vitrine voll mit antikem Werkzeug. Und nicht zu vergessen eine Sammlung von so genannten Seitenbordmotoren, wie es sie nach den Worten von Roland Hess kein zweites Mal geben dürfte: kleine Motörchen der Schnapsglasklasse, mit denen man gemütlich durch den Spreewald tuckern konnte. Ein Wettrennen gegen eine originalbesetzte Baidarka wäre damit natürlich aussichtslos gewesen . . .
Wen angesichts dieser ganzen Schätze die Lust auf ein eigenes Kanu packt, der ist bei Roland Hess ebenfalls an der richtigen Adresse. In seinem Canoe and Paddle Store werden Holzboote nach individuellen Vorgaben entworfen und gebaut, darüber hinaus gibt es bei ihm die Möglichkeit, sich sein eigenes Kanu selber zu bauen. Zu den Interessenten zählen 13-jährige Schüler ebenso wie erwachsene Männer, die sich den Jugendtraum ins Arbeitszimmer hängen wollen. Sogar eine 83-jährige Dame hat schon mit einem selbst gemachten Holzkanu geliebäugelt - bisher hat sie unter Roland Hess' Anleitung alte Möbel restauriert, neue gebaut und auch schon Messer hergestellt.
Der Einsatz von Epoxidharz macht's möglich, dass auch Anfänger robuste und formschöne Boote bauen können - komplizierte Arbeitsgänge fallen nämlich dadurch weg. "Böse ausgedrückt", sagt Roland Hess und grinst ein bisschen, "hat man dann eine Plastikhaut mit Holzkern." Immerhin: das Ergebnis sei stabiler als ein Kunststoffboot und auch sehr kratzfest.
Ein anderes Beispiel für Roland Hess' Pragmatismus dürfte ihn von den allermeisten anderen Museumsleitern unterscheiden: eine Zeitlang hatte er einen ziemlich großen Kahn in seinen Beständen, der nach 30 Dienstjahren der älteste seiner Art gewesen war. Doch weil das Holz zusehends verfaulte, hat Hess das Boot kurzerhand zum Brennstoff erklärt und Stück für Stück sein Museum mit ihm geheizt.